Römische Landwirtschaft in Tunesien
                 von Uwe Bigalke
Abb.  Römische Hofstelle auf einem Mosaik

Bis in die Spätantike war die Landwirtschaft der Haupterwerbszweig   der   Bevölkerung.   Die Beschäftigung  in  der  Landwirtschaft  galt als ehrbare und geachtete Tätigkeit. Handwerkliche Tätigkeiten  wurden  in  vielen  Fällen  weniger geachtet. Bedeutende   antike   Schriftstellen nahmen sich der Landwirtschaft an, so unter anderem Hesiod um 700 v.Chr., Cato d. Ältere 234 bis 149 v.Chr., Varro 116 bis 27 v.Chr., Columella l.Jh. n.Chr.,  Palladius 5.Jh. n.Chr., Vergil 70 bis 19 v.Chr. und Plinius d. Ältere 23/24 bis 79 n.Chr.. Zur Zeit Catos galt der Anbau von Wein, Obst, Gemüse und Ölfrüchte als  besonders  ertragreich.   In  der  Kaiserzeit wurde dann der Getreideanbau als vorteilhafter angesehen.   Die  Landwirtschaft  wurde  zum großen Teil von Großgrundbesitzern betrieben. So    besaßen    zur    Zeit    Neros    sechs Großgrundbesitzer etwa die Hälfte der Provinz Afrika.  Die Höfe wurden ursprünglich durch Sklaven,  dann  in der Kaiserzeit von Kolonen (freie Pächter) bewirtschaftet, da dieses rentabler war als die Sklavenwirtschaft. So finden wir noch die Ruinen der großen Landgüter (Villa Magna) und natürlich sehr viele kleine Pachthöfe.

Abb. Römische Höfe  im Raum Vallis- Turris

Zum Errichten eines Bauernhofs schreibt M. VITRUVIUS folgendes in seinem sechsten Buch, neuntes Kapitel: 

Theorie der landwirtschaftlichen Gebäude:

Zuerst  muss man, wenn man Landhäuser (Villa) anlegt,  eben  so,  wie es  im  ersten  Buche bei Anlage einer Stadt vorgeschrieben worden ist, auf die Gesundheit der Gegend sehen. Die Größe derselben muss der Größe des dazu gehörigen Ackerlandes  und  dem  Erträge  an  Früchten entsprechen. 

 
Abb. römisches Hofleben

Die  Größe  der  Wirtschaftshöfe (cohors) ist nach der Anzahl der Stücke Vieh, und der Joche Ochsen, die darauf zu halten sind, zu bestimmen. Der Küche weise man in dem Viehhofe am wärmsten Orte ihren Platz an. Dicht daran  lasse  man  die  Ochsenställe  (bubilia) stoßen,  deren  Krippen  gegen  den  Herd  und gegen Morgen zu richten sind, indem die Ochsen durch den Anblick des Feuers und Lichts nicht rauh werden; daher auch die Landleute, die der Wirkung der Weltgegenden nicht unkundig sind, behaupten, die Ochsen müssen nie anders, als gegen Sonnenaufgang stehen.  An Breite aber müssen die Ochsenställe weder weniger als 10, noch mehr als 15 Fuß halten: Ihre Länge muss so beschaffen sein, dass auf Jedes Joch  Ochsen  nicht  weniger als 7  Fuß   kommen.  Ingleichen   müssen die Bäder  (balnearia) neben der Küche liegen;  weil also die Zubereitung eines ländlichen Bades nicht mit großen Weitläufigkeiten verknüpft ist. Auch die Ölkelter (torcular) sei zunächst der Küche, indem die Zubereitung der Oliven also am bequemsten ist. Gleich daneben befinde sich der Weinkeller (vinaria cella), dessen Fenster nach Mitternacht gehen müssen, weil sonst, wenn sie  nach  einer  ändern  Gegend gerichtet sind, wo die Sonne hinein scheinen kann, der Wein  im Keller durch  die  Hitze trübe und schal wird. Der Ölkeller (olearia cella) aber ist so zu stellen, dass er sein Licht von Mittag oder sonst von einer ändern warmen Himmelsgegend erhalte; denn das Öl  darf nicht gefrieren,  sondern muss  durch gemäßigte  Wärme  beständig  flüssig  erhalten werden.

Abb. Ölpresse bei Testour

 

Abb. Kollergang in Hammamet Hotel Fourati    

Kollergang

[lat. trapetum < griechisch trapein, (Trauben) „treten", sizilianisch noch immer trapitti. Diese griechische Erfindung erleichterte seit dem4./3. Jh. v.Chr. die mechanische Verarbeitung reicher Oliven ernten: Sie wurde von den Römern übernommen. Der Kollergang vermochte ohne Beschädigung der Kerne das Fruchtfleisch abzuquetschen. Da sich die Kerne unten sammeln, muss der Kollergang eine Regulierung für die Einsinktiefe der Druck-Körper haben. Der Steintrog war also als Hohlform mit halbkugelförmiger Außenwand und innerem Mittelzylinder (Abb.) geformt. Im Mittelzylinder lief eine (eiserne) Vertikalachse auf der — durch aufsteckbare Eisenringe regulierbar — die Horizontalachse befestigt war. Auf der Horizontalachse liefen zwei um sich selbst drehbare Kugelsegmente aus Stein als Druckkörper die im Kreis gedreht wurden, indem  Sklaven an der seitlich verlängerten Horizontalachse angriffen und im Kreisgang liefen. Weder der in Pompeji noch der in Slabiae  gefundene Kollergang stimmt genau mit den Angaben bei Cato überein; letzterer überliefert die interessanten Kosten einer solchen Anlage mit 629-724 Sesterzen           ( 2Sesterzcn damals Unterhaltskosten pro Mann und Tag. Die Größe derselben ist nach der Menge der Oliven zu bestimmen, und nach der Anzahl der Fässer (dolia), die, wenn sie vom größten Gehalt, d.i. von zwanzig Amphoren (cullearia) sind,  einen  Durchmesser  von  4  Fuß  haben müssen. Was die Kelter (torcular) selbst betrifft, so muss sie, falls die Presse nicht geschroben, sondern vermittelst eines Preßhaspels (vectis) oder eines Pressbaums  (praelum)  zugezogen  wird,  nicht unter 40 Fuß lang angelegt werden, damit der Haspeier (vectiarius) den erforderlichen Raum erhalte: Die Breite darf nicht unter 16 Fuß sein, wenn die Arbeiter bei ihren Verrichtungen sich frei  und  ungehindert  sollen  bewegen  können: Sollen aber 2 Pressen (praelum) Platz haben, so gebe man der Breite 24 Fuß.

Abb. Ölpresse nach Saladin

 

Abb. Hof mit Ölpresse bei Speitla Abb. Gewicht für die Ölpresse

      

  Die Schaf- und Ziegenställe (ovilia et caprilia) müssen von der Größe sein, dass auf jedes Tier nicht unter fünfeinhalb und nicht über 6 Fuß kommen. Die Kornspeicher  (granaria)  sind  hoch  und  gen Mitternacht anzulegen; denn als dann kann das Getreide sich nicht so leicht erhitzen, sondern wird vom Nordwinde abgekühlt, und hält sich desto länger. Die übrigen Himmelsgegenden aber erzeugen  den  Kornwurm  (curculio)  und  die übrigen Insekten, welche dem Getreide schädlich zu sein pfleg en.

Abb. Getreidemühle im Museum Chemtou Abb. Getreidemühle Arbeitsweise

Mühle

Zur Erzeugung von Mehl, Schrot, Graupen aus Getreide und Hülsenfrüchten gaben die Griechen den im Neolithium entwickelten Reibstein auf und konstruierten spätestens im 5. Jh. v.Chr. die Schwenk-Mühle Ihr etwa halbkreisförmiger Unterstem erhielt ein Loch im Zentrum, in dem ein Zapfen saß. Am Zapfen im Zentrirwinkel drehbar hing die hölzerne Führung des sektorförmigen Obersteins. Die Bewegung rechts-links (statt bisher hin-her) erleichterte die (Sklaven-) Arbeit. Die volle Kreisbewegung nutzte die nächste Erfindung im Mühlenbaubau, die Göpel-Mühle, die vielleicht gleichzeitig aufkam. Nun konnten auch Tiere eingespannt werden. Völlig neu wurden dazu die zwei Mühlsteine geformt: Der Unterstein wurde als Kegel aus-gebildet, dessen Spitze in eine starre eiserne Achse auslief. Verbindungsglied zum Oberstein war eine starke eiserne Scheibe, deren Zentrum auf der Achse des Untersteins aufsaß: Sie trug den eigenartig als bikonkaven Ring ausgebildeten Oberstein; dessen offener oberer Teil nahm den Getreidevorrat auf, der nach und nach durch vier Löcher in der eisernen Verbindungsscheibe in den engen Spalt zwischen Oberstein und Unterstein fiel. Diese sanduhrförmige Bauart (Abb.) ist vielfach Überliefert; ähnlich sind auch Gesteinsmühlen konstruiert. Noch vor Beginn unserer Zeitrechnung entstand unter Mithridates von Pontos die Wasser-Mühle; sie forderte abermals eine Umgestaltung der Mühlsteine, die dann die uns geläufigen Formen annahmen. Dazu war außerdem die Übersetzung der Kraft von der horizontalen Wasserradwelle Ober, Zahnrad und Stockgetriebe auf die Vertikalachse des Obersteins nötig. Handdreh-Mühle sind aus den römischen Provinzen vielfach bekannt, dabei ergeben sich lokale Unterschiede in der Bauart. Mühlsteine aus dem heute Gebrauch. Quarzsandstein in Scheibenform sind selten. In den Mahlwerken der Antike wurden vulkanischen Gesteine, Trass oder körnige Basalte und eine konische, für den Oberstein (Läufer) konkave für den  Unterstein konvexe Ineinanderpassung bevorzugt.

 

Die Pferdeställe (equilia) müssen zumal auf dem Lande an sehr warmen Orte, nur nicht so, dass sie auf den Herd sehen, gestellt werden; denn wenn sich der Pferdestall nahe beim  Feuer  befindet,  so  werden die  Pferde straubig. Ingleichen ist es nicht undienlich, im Freien,  außerhalb  der  Küche,  gen  Morgen Krippen (praesepia) hinzustellen; denn wenn die Ochsen an heitern Wintertagen morgens im Sonnenscheine  daran  gefüttert  werden,   so werden  sie  davon  ungemein  glänzend. 

Die Scheunen (horrea), die Heu- und Futterböden (fenilia et farraria),  die Mahl- und Backhäuser (pistrina) müssen außer dem  Gehöfte (extra viliam) angelegt werden, um dieses desto mehr vor Feuersgefahr zu bewahren. Will man auf den Landhäusern    irgend    etwas    vorzüglich geschmackvoll anlegen; so muss man sich dazu der  oben  zur  Aufführung  der  Stadtgebäude festgesetzten Verhältnisse bedienen; jedoch nur also,   dass   hier   immer  die   Schönheit   dem landwirtschaftlichen  Nutzen  unter-geordnet  sei.

Abb. Ausblick aus einem Hof
Abb. Römischer Landarbeiter Abb. Reste eines Hofes bei Teboursouk

Überhaupt  bei  allen  Gebäuden  ist  dafür  zu sorgen,  dass  sie hell  sein.  In Ansehung der Landhäuser ist dieses nicht schwer zu bewirken, indem auf dem Lande nicht leicht eines Nachbars Wand im Wege steht; allein in der Stadt, wo die Höhe der gemeinschaftlichen (paries communis) Wände,  oder  enger  Raum  der  Erleuchtung hinderlich werden können, ist in dieser Rücksicht folgendes zu beobachten:  Man ziehe auf der Seite, woher man das Licht zu nehmen hat, eine Schnur von der äußersten Höhe der Mauer, welche im Wege zu stehen scheint, bis nach dem Orte herab, welcher zu erleuchten ist: Erblickt man,  indem man  längst der Schnur hinauf visiert,  ein  großes  Stück  hellen  Himmels;  so wird das Licht ohne Hindernis in den Ort fallen können: Trifft das Auge aber auf Balken, Sturze oder Böden; so muss der Ort oberhalb geöffnet und das Licht von oben hineingelassen werden. Überhaupt merke man nur, dass überall, wo man freien Himmel sehen kann, Fenster anzubringen sind: so werden die  Gebäude  schönhell sein Inbesonderheit aber bedarf man des Lichts nicht allein in den Speisesälen und übrigen Zimmern; sondern auch in den Gängen (itinera) und auf den Rampen (clivus) und Treppen; weil sonst hier öfters die sich begegnenden  und Gepäck tragenden  Leute  gegen  einander  anzulaufen pflegen.   Nach  bestem  Vermögen  habe  ich nunmehr die bei uns gebräuchliche Anordnung der  Gebäude  erläutert;  so  dass  darüber  den Bauverständigen keine Dunkelheit übrig bleiben wird.

 

Abb. Olivenbaum Abb. Nordtunesische Landschaft

Geschichte der Landwirtschaft

Bis zum Beginn des maschinellen Zeitalters ist die Landwirtschaft in jeder Kultur der wichtigste Wirtschaftszweig gewesen. Alle Kulturen durchlaufen ein reines Agrarstadium, Ehe  neue  Erwerbszweige  wie  Handel und Handwerk es ablösen und selbständig neben die Landwirtschaft treten. Die stufenweise Zähmung und Veredelung von Haustieren und Nutzpflanzen ist ein Prozess, der im Mesolithikum beginnt und noch andauert. Die älteste Stufe der Entwicklung geht für den Bereich der Mittelmeerwelt zurück bis zu vorhistorischer Zeit. In den  ägyptischen und  mesopotamischen Hochkulturen   beruht   Landwirtschaft  auf einem genau ausgearbeiteten  Bewässerungssystem, während man in der griech.-römischen Welt fort-dauernde Nutzbarkeit des Bodens durch das sogenannte dry-field-system zu sichern suchte, nur gelegentlich wird auch hier Bewässerung angewandt. Unsere ältesten schriftlichen Quellen, die myk. Tafeln mit Inschriften in Linear B (Mykenisch), bezeugen schon eine hochentwickelte Landwirtschaft mit stark spezifiziertem Ackerbau und Viehzucht. Die homerischen  Gedichte  geben  besonders in den Gleichnissen ein abgestuftes Bild einer Anzahl von Einzelphänomenen: Pflügen, Ernte, Dreschen, Weidewirtschaft usw.

Abb. Genossenschaftsölmühle in Bou Chebca Abb. Ölpressen

Das Lehrgedicht des Hesiod spiegelt das arbeitsame Leben des kleinen Bauern wider. In der gesamten darauf folgenden Literatur findet man praktisch bei jedem Verfasser Schilderungen oder Anspielungen auf die Landwirtschaft. Die kompliziertere wirtschaftliche Struktur der hellenistischer Zeit führt auch in der Landwirtschaft   zu   erheblicher  Differenzierung, während  sich  gleichzeitig die Methoden immer mehr vervollkommnen. Das hängt zum Teil mit wachsenden Investitionen in diesem Wirtschaftszweig zusammen  eine Entwicklung, die sich bis zum Athen des 4. - Jh.s zurückverfolgen lässt.

Bezeichnend hierfür ist die reichhaltige Literatur zur Landwirtschaft, die dieses Jahrhundert hervorbringt.

Abb. Reiche Städte entstanden

Die Älteste der erhaltenen Schriften ist Xenophons Dialog 0ikonomikos. Die hellenstischen, Landwirtschaftsliteratur ist beinahe gänzlich verlorengegangen, lebt aber weiter als eine der Quellen für die erhaltenen römischen Landwirtschaftstheoretiker. Gleichzeitig mit der Eroberung der hellenistischen Welt übernahm die römische Oberklasse den hellenistischen landwirtschaftlichen Produktionsapparat nach Italien, und zahlreiche durch Sklaven betriebene villae rusticae (Einzel Höfe) verdrängten die Höfe der freien röm. Kleinbauern. In den Jahrhunderten um Chr. geb. erlebte die Landwirtschaft in Italien und den römischen Provinzen, so unter andern in Nord-Afrika, eine große Blüte. Die tonangebenden römischen Klassen waren stark an der Landwirtschaft interessiert, die eine sichere Geldanlage bot und von den Vornehmen auch als Liebhaberei betrieben wurde. Neue Kulturpflanzen wurden importiert und akklimatisiert, die Haustierrassen wurden durch bewusste Veredelung verbessert. Am Stillstand und Rückgang dieser Entwicklung im Laufe des 2. Jh.s kann landwirtschaftliche Überproduktion schuld gewesen sein, eher hängt es jedoch mit komplizierteren Veränderungen in der Gesamtwirtschaft und sozialen Struktur des römischen Kaiserreiches zusammen. Das Resultat der Expansion der Landwirtschaft blieb jedoch inzwischen eine Veredelung und Ausbreitung vorhandener und neuer Kulturpflanzen, wie sie nur in der arabischen Expansion oder dem reichen Austausch von Nutzpflanzen nach der Entdeckung Amerikas eine Parallele hat. Die Entwicklung der Viehzucht verlief analog, wenn auch weniger revolutionär. Das Verhältnis der verschiedenen Zweige der Landwirtschaft zueinander war naturgemäß vor allem durch Klima und Bodenbeschaffenheit bestimmt. Historische und wirtschaftliche Entwicklungen (Wachstum von Städten, eingreifende Veränderungen der politischen Szenerie) konnten zwar begrenzte Einflüsse ausüben, im übrigen aber blieb die Kontinuität der Produktion in den einzelnen Zweigen der Landwirtschaft in den verschiedenen Regionen erhalten. Perioden wirtschaftlichen Niedergangs konnten allerdings zur Vernachlässigung des intensiven Ackerbaus zugunsten extensiver Weidewirtschaft führen, wie es zum Beispiel zur Kaiserzeit in weiten Gebieten Griechenlands der Fall war.

Die Schwierigkeiten bei der Erforschung der antiken Landwirtschaft liegen in verschiedenen Punkten:

l. Viele antike biologische Namen lassen sich lexikalisch nicht mit Sicherheit  identifizieren,  zumal  die fortgesetzte Veredelung Charakter und Leistungsfähigkeit der Pflanzen im Laufe der Jahrhunderte verändert hat. Systematische botanische Untersuchungen von Pflanzenresten und Kornabdrucken in Keramik sind noch im Gange.

2. Archäologische Ausgrabungen haben nur in geringem Maße Reste von kleinen Einzelhöfen hervorgebracht, da hervorragende Fundkomplexe den Vorrang hatten, wohl aber zahlreiche Reste von villae (Hof) Viele Ruinen werden nun schnell durch die wirkungsvollen Maschinen der modernen industrialisierten Landwirtschaft vernichtet.

3. Wie in manchen anderen Zweigen der Altertumsforschung fehlt es an statistischem Material: in welchem Grad kann man von einzelnen Erläuterungen auf den allgemeinen Zustand schließen? Andererseits hat die moderne Forschung neue Methoden gebracht, zum Beispiel die Luftphotographie von Äckern des Altertums und die systematische Katalogisierung und Veröffentlichung  von  erhaltengebliebenen  Resten.  

Abb. Landvermesser Abb. Transportwagen

Landwirtschaft

»Ihr, die ihr durch viele Länder gekommen seid, habt ihr ein besser bebautes Land gesehen als Italien? Ich jedenfalls glaube, dass es keines gibt. Man muss jedoch auch zugeben, dass Italien zur Kulturlandschaft geeigneter ist als Asien, erstens, weil es zu Europa gehört, und dann, weil dieser Teil Europas ein gemäßigteres Klima hat als der nördliche. Wachsen nicht alle Nutzpflanzen in Italien und bringen nicht alle die höchsten Erträge? Welchen Spelt könnte man mit dem Campaniens vergleichen? Welchen Wein mit dem Falernerwein? Welches Öl ist dem von Venafrum gleichzustellen? Ist Italien nicht so sehr von Bäumen bedeckt' dass es ein einziger Obstgarten zu sein scheint? Stehen die Rebstöcke in Phrygien, das Homer (Ilias 111, 184) doch als >weinreich< bezeichnet, etwa dichter, oder bringt Argos, das derselbe Dichter (Ilias XV, 372) das >kornreiche< nennt, mehr Weizen hervor? Wo kann man, wie in einigen Gebieten Italiens, von einem einzigen Joch Land zehn oder fünfzehn Schläuche Wein gewinnen? Hat nicht auch Cato in einem Buch seiner >Origines< geschrieben, dass der >Ager Gallicus deshalb der römische heißt, weil er diesseits von Ariminum (Rimini) unter römische Siedler aufgeteilt ist, und dass man von jedem Joch Land bisweilen zehn Schläuche Wein erntet<? Die Bewohner Italiens haben offenbar bei der Bestellung des Landes auf zwei Dinge besonders geachtet: einmal, ob die Erträge Mühe und Aufwand lohnten, zum andern, ob die einzelnen Gebiete ein gesundes Klima hatten oder nicht. «

So schrieb Varro im Jahre 37 v. Chr. zu Beginn des Augusteischen Zeitalters in der Einleitung seines berühmten Buches über das Landleben (de re rustica 1, 2, 3-8). Er preist also Italien wegen seiner Fruchtbarkeit als ein Land, das gleichsam durch die Gunst der Götter in jeder Hinsicht mehr und bessere Erträge als jedes andere hervorbringt. Die Römer fühlten sich wirklich als ein Bauernvolk und liebten es, sich so zu nennen, selbst dann noch, als ihre Kultur sich weiter entfaltet hatte und man dem Leben in der Stadt und den städtischen Beschäftigungen den Vorzug vor der Landarbeit gab. Als Bauern hatten sie zwar das Glück, das fruchtbarste aller Länder zu besitzen, doch konnten sie sich rühmen, nur durch ihre harte, zähe und kluge Arbeit dem Boden solche Erträge abgerungen zu haben. Während Vergil in den Georgica die Fruchtbarkeit der Felder und die »fröhlichen Herden« Italiens besingt, vergisst er nicht, die Bewohner Arkadiens, die in friedvollem und untätigem Leben die Früchte ernten, welche die Erde ihnen von selbst spendet, mit den italischen Bauern zu vergleichen, für die Mühe, Kampf und täglicher Fortschritt das Mittel und der Preis ihres Glückes sind (IV, 125 ff; 111, 132).

Als die Italiker auf der Apenninenhalbinsel festen Fuß fassten und die frühere mediterrane Bevölkerung überlagerten und sich mit ihr vermischten, waren sie schon seit langer Zeit mit Viehzucht und Ackerbau vertraut. Das fruchtbare Latium lockte trotz seiner vielen sumpfigen und ungesunden Gegenden die Einwanderer an und stellte hohe Anforderungen an ihre Geschicklichkeit und ihren Fleiß. Es ist wenig sinnvoll, hier auf die alte Streitfrage einzugehen, ob bei den alten Latinern, die das linke Tiberufer, wo später Rom entstehen sollte, bewohnten, der Ackerbau oder die Viehzucht vorherrschte, zumal die Sagen, die sich auf den Ursprung und die ersten Jahrhunderte der Stadt beziehen, beides in gleicher Weise erwähnen. Der Name Palatin und das Fest Parilia sind ohne Zweifel mit der Göttin der Hirten, Pales, in Verbindung zu setzen; aber ebenso alt ist der Kult des Consus, einer Gottheit des Ackerbaus, dem zu Ehren man am Fuge des Palatin einen Altar errichtet hatte und das Fest der Consualia beging.

Mit der Zeit musste jedoch der Ackerbau überwiegen, und es ist wahrscheinlich, dass die enge Berührung mit den Etruskern zur Entwicklung des Ackerbaus in Latium nicht wenig beigetragen hat, wie auch die Italiker im Süden Italiens und auf Sizilien auf diesem Gebiet vieles von den Griechen und den Karthagern gelernt haben.

Die kleinen Bauernhöfe

Die Wissenschaftler, die versucht haben, die Entwicklung der Landwirtschaft in Latium zu erforschen, sind sich im wesentlichen darin einig, dass man drei aufeinanderfolgende Perioden zu unterscheiden hat. in der ersten Periode, die der Königszeit und etwa den beiden ersten Jahrhunderten der Republik entspricht, war das latinische Gebiet in kleine Bauernhöfe aufgeteilt, auf denen der Getreideanbau vorherrschte; das Vieh schickte man vermutlich auf die Gemeindeweide. In der zweiten Periode, die die römische Expansion im Mittelmeer (vom dritten bis zum ersten Jahrhundert v. Chr.) umfasst, kam es zur Bildung von mittlerem und größerem Grundbesitz; die Baumkultur, besonders der Anbau von Wein und Oliven, herrschte vor und war einträglicher als der von Getreide, das jetzt zu niedrigen Preisen in großen Mengen von Sizilien und Sardinien, aus Nordafrika und Kleinasien eingeführt wurde. In der dritten Periode - im letzten Jahrhundert der Republik und den ersten Jahrzehnten der Kaiserzeit - überwog die Viehzucht und die sogenannte oeconomia villae mit einer spezialisierten Plantagenwirtschaft und auf kleinere Betriebe aufgeteilten Tierzucht. Nur im Norden und teilweise auch im Süden Italiens behielt man auch in diesen drei letzten Jahrhunderten der Republik die Bewirtschaftung kleiner Bauernhöfe bei.

Dass der kleine Bauernhof und das Gemeindeeigentum in ältester Zeit vorherrschten, scheinen uns einige Hinweise im Zwölftafelgesetz zu bestätigen. In dieser Gesetzessammlung ist das Eigentum des Bauern als hortus bezeichnet (ein Wort, das später die Bedeutung »Garten« annahm), während das Wort für Garten heredium ist. Das bäuerliche Besitztum, der hortus, umfasste jedoch nur ein sehr kleines Stück Land von zwei Joch (ungefähr ein halber Hektar), für jedes Mitglied der Familie. Es war erlaubt, dieses Eigentum mit einer Umfriedung zu umgeben (hortus = griechisch Xöorog bezeichnete ursprünglich das umfriedete Land). Das übrige Land blieb der gemeinsamen Nutzung vorbehalten und wurde größtenteils als Viehweide verwendet, oder man teilte es ebenfalls in bestimmten zeitlichen Abständen auf. Natürlich nahm mit dem Rückgang der Viehzucht und der Ausdehnung des Ackerbaus der gemeinsame Landbesitz allmählich ab, da sich die Bauern von dem Land, auf das sie ihre ganze Sorge und Mühe gewendet hatten, nur schwer trennen konnten.

Hart war die Arbeit und äußerst karg das Leben der anspruchslosen Bauern von Latium! Ein Dichter der Augusteischen Zeit, der überaus fruchtbare Ovid, hat dieses Leben in einer berühmten »Idylle« in den Metamorphosen (VIII, 611 fo geschildert. Die Geschichte spielt jedoch nicht in Italien, sondern in Phrygien; zwei alte Bauersleute wohnen allein in einer Hütte; ein kleiner Acker gibt ihnen alles, was sie zu ihrem einfachen, aber glücklichen Leben brauchen. Es kann jedoch kein Zweifel darüber bestehen, dass wir in der »idylle« von Philemon und Baucis, wenn auch »stilisiert«, die Schilderung eines gastlichen Mahles vorfinden, wie es zur Zeit des Vergil und Horaz ein einfacher Bauer aus Latium einem vornehmen, unverhofft eintreffenden Gast angeboten haben könnte.

In dem von Ovid beschriebenen »Menu« ist das Brot nicht erwähnt, das gute Brot aus Weizen (triticum), das die römischen Bauern in großen Mengen verzehrten. in frühester Zeit ernährten sich die Römer nicht von Weizen, sondern von Spelt, den sie rösteten und zu Mehl mahlten. Den Spelt und die als Pferdefutter verwendete Gerste bauten die Römer bis zur Mitte des fünften Jahrhunderts v. Chr. an; damals begannen sie mit dem Anbau von Weizen. Aus dem Spelt kochte man mit Wasser und Salz einen Brei (puls), den man zusammen mit einer Zukost (pulmentarium) aus Milcherzeugnissen und Gemüse, wie Bohnen, Zwiebeln und bestimmten Sorten von Rüben, aß. Wir wissen jedoch, dass die römischen Bauern, auch als sie bereits das Weizenbrot kannten, den Speltbrei noch lange Zeit hindurch vorzogen. Fleisch aß man auf dem Lande nur sehr selten und dann gewöhnlich Hammel oder Schweinefleisch; Rindfleisch gab es nur an Feiertagen; Fischgerichte waren noch seltener.

Die Latifundien

Lange Zeit hindurch entsprach der Sparsamkeit und Einfachheit des Landlebens eine strenge Lebensweise in der Stadt. So war es zur Zeit der Tarquinier, so zur Zeit der Decemvirn und des Camillus; und noch während der kriegerischen Auseinandersetzungen mit Pyrrhus blieb in den römischen Bauern wie auch in der Stadtbevölkerung die enge Verbundenheit mit den alten einheimischen Gottheiten und der Religion der Väter erhalten. Die Familie hielt immer noch an der straffen Zucht, den ernsten Sitten und Gebräuchen und sogar an den harten Bestimmungen des Zwölftafelgesetzes fest. Die Lebensführung war in Rom genauso wie in ganz Latium sehr einfach. Die dürftigen Wohnungen mit ihren bescheidenen Einrichtungen, die ärmliche Kleidung und die geringe Zahl der Sklaven bildeten einen starken Kontrast zu dem verschwenderischen Leben in den etruskischen, campanischen und griechischen Städten Italiens, wo in den Häusern der Reichen wertvolle Einrichtungsgegenstände, kostbares Küchengeschirr und bernalte Keramik im Überfluss vorhanden waren. Dort kannte man schon die Gold- und Silberwährung, und zahlreiche Sklaven vermehrten durch ihre harte Arbeit den bereits beträchtlichen Reichtum ihrer Herren.

Dann kam die lange, blutige Auseinandersetzung mit Karthago. Die vierundzwanzig Jahre des ersten Punischen Krieges, dessen Schauplatz hauptsächlich Sizilien war, gestalteten die römische Gesellschaft, die Bevölkerung Latiums und Mittelitaliens viel tiefer um als die fünfunddreißig Jahre des zweiten und dritten samnitischen Krieges, die beide größtenteils in Campanien und Apulien ausgetragen worden waren. Während dieser vierundzwanzig Feldzüge gab es kaum einen römischen Bürger mittleren Alters, der nicht wenigstens drei oder vier Jahre auf den Schlachtfeldern und in den Garnisonen Siziliens verbracht hätte. Von Syrakus und den anderen griechischen oder griechisch-phönizischen Städten Siziliens kehrten die römischen und italischen Soldaten mit einem neuen Wortschatz, neuen Ideen und Sitten, die sie in einem von dem ihren völlig verschiedenen Kulturbereich übernommen hatten, nach Hause zurück. Es ist nur natürlich, dass durch diese Einflüsse ihre einheimische Kultur auf dem Land wie in der Stadt einen tiefgehenden Wandel erfuhr.

Besonders schwer traf der lange Krieg die Landwirtschaft in Italien, und zwar nicht so sehr deshalb, weil in diesen Jahren die Reihen der Kleinbauern stark gelichtet wurden' als vielmehr aufgrund der langen Abwesenheit der Bauern von ihren Feldern und der dadurch herbeigeführten nicht wieder gutzumachenden wirtschaftlichen Schäden und nicht zuletzt wegen der Abneigung der jungen Soldaten gegen das Leben auf dem Lande; denn sie hatten zu lange in den üppigen Städten Siziliens gelebt und sich zu schnell an die leichten Gewinne, wie sie Plünderungen und Kriegsbeute verschafften, gewöhnt.

Aber noch viel schwerer und empfindlicher waren die wirtschaftlichen und sozialen Folgen der Eroberungskriege und der Ausdehnung der römischen Macht auf das ganze Mittelmeerbecken am Ende des dritten und in der ersten Hälfte des zweiten Jahrhunderts v. Chr. Die Gier nach Geld hatte alle gepackt. Die Römer fanden Gefallen an Handel und Verkehr; sie folgten darin dem Beispiel der Griechen und der Bewohner Siziliens, der Etrusker und Campaner. So gewann von der Mitte des zweiten Jahrhunderts an in Rom der Stand der Handeltreibenden eine immer größere Bedeutung; gleichzeitig wuchs auch ständig die Zahl und die Macht derer, für die sich mit der Übernahme öffentlicher Arbeiten und Aufträge (wie der Eintreibung von Steuern) eine neue reiche Erwerbsquelle erschloss.

Die alte Senatsoligarchie, die wahre nobilitas, hatte es bislang vermocht, ihre Sonderstellung gegenüber den vielen »Neureichen« nichtadliger Herkunft zu behaupten. Die gesetzliche Bestimmung des Jahres 218 v. Chr., die Senatoren verbot, ihr Kapital in Handelsuntemehmungen anzulegen, trug, obwohl man mit ihr ein anderes Ziel verfolgte, wesentlich dazu bei, dass diese Trennung aufrechterhalten blieb. Aber auch den Senatoren standen mit dem Erlös der Kriegsbeute und mit den Gewinnen, die man aus der Verwaltung der Provinzen ziehen konnte, reiche Einnahmequellen offen. Dieses Kapital, das man nicht im Handel und in Pachtverträgen investieren durfte, legte man natürlich in Land an. Die Folge war, dass sich die Senatsoligarchie allmählich in eine Schicht von Großgrundbesitzen umwandelte. Die ersten Großgrundbesitze (latifundia) bildeten sich vor allem in den Teilen der Halbinsel - zum Beispiel Süditalien und Sizilien -, die besonders schwer unter den Verwüstungen und Umwälzungen des Krieges gegen Hannibal zu leiden hatten. Dort sahen sich die Besitzer kleiner Bauernhöfe gezwungen, Haus und Hof für einen Spottpreis zu verkaufen, nur weil ihnen die Mittel fehlten, um ihre verwüsteten Felder wieder instand zu setzen; so bildeten sich die Latifundien und breiteten sich auf Kosten des mittleren und kleinen Besitztums immer weiter aus.

Andererseits fehlten nicht allen Kleinbauern die notwendigen Mittel, um ihre Felder rentabel und ertragreich zu erhalten; denn auch di ' e einfachen Soldaten und die Zenturionen kehrten aus dem Krieg fast immer mit einem kleinen Geldbetrag zurück. Aber ein anderer Umstand bedrohte die Existenz der mittelgroßen und kleinen Bauernhöfe auch dort, wo die immer weiter um sich greifende Abneigung gegen die Landarbeit und die Verwüstungen des Krieges fehlten: die Sklavenarbeit. In den Jahren nach dem zweiten Punischen Krieg war die Zahl der Sklaven, die von den verschiedenen Kriegsschauplätzen und den Märkten des Orients nach Italien gebracht wurden, unverhältnismäßig stark angewachsen. Es mag der Hinweis genügen, dass an dem Sklavenaufstand des Jahres 135 v. Chr. allein in Sizilien 200000 Sklaven beteiligt waren. Der Sklave, früher der unentbehrliche Diener vornehmer Familien oder der Helfer des freien Bauern, wurde jetzt zum Gegenstand der Spekulation. Man kaufte Sklaven zu Hunderten und Tausenden, um sie auf den Latifundien zusammen zupferchen und bei härtesten Lebensbedingungen unter einer bisweilen brutalen Aufsicht zur Feldarbeit zu zwingen. Der Kaufpreis war niedrig, verschwindend gering die Unterhalts kosten. Diese Sklaven stellten so billige Arbeitskräfte dar, dass der freie Bauer unmöglich mit ihnen konkurrieren konnte. Hinzu kam noch, dass der freie Bauer und Eigentümer zum Kriegsdienst verpflichtet war, der ihn mehrere Jahre hindurch von seinem Grund und Boden fernhalten konnte. Auch aus diesem Grunde sahen sich die Besitzer eines kleinen und auch mittleren Bauernhofes oft gezwungen, ihre Felder, deren Erträge täglich im Preis sanken, zu veräußern und den bescheidenen Erlös in gewinnbringenderen Unternehmen anzulegen.

Das waren also die verschiedenen Gründe, die um die Mitte des zweiten Jahrhunderts v. Chr. den Verfall und schließlich das völlige Verschwinden der Bauernhöfe in Italien verursachten. Außer der Auflösung der mittleren und kleinen Landwirtschaftsbetriebe begünstigte die ständige, oft willkürliche Besitznahme des ager publicus durch die nobiles die Bildung von Latifundien. Der ager publicus setzte sich aus den mehr oder weniger großen Gebieten zusammen die man nach und nach den unterworfenen Völkern genommen, aber nicht in die Landzuweisungen an römische oder latinische coloni einbegriffen hatte. Dieses Staatsland wurde allmählich mit Erlaubnis des Staates von Privatleuten (nicht nur römischen Bürgern, sondern auch latinischen und italischen Bundesgenossen), denen man dieses Land zur Nutznießung überließ, in Besitz genommen. Der Eigentümer dieser Gebiete blieb jedoch nominell der Staat, der es sich auch vorbehielt, als Zeichen seines Besitzrechtes eine jährliche Steuer zu erheben. Diese Einrichtung sollte die Bildung vieler neuer Bauernhöfe begünstigen, wurde aber sehr bald einer der entscheidenden Faktoren für die Entstehung der Latifundien; denn das größte Teil dieses ager publicus kam schließlich in die Hände der reichsten und mächtigsten Leute.

Zu Beginn der Kaiserzeit hatten sich riesige Großgrundbesitze gebildet, wie jener des Agrippa in Sizilien, der des unbekannten Freigelassenen, von dem Horaz in seiner Epode (4, 13) sagt, dag er »arat Falerni mille fundi iugera«, oder das Gut Senecas, das Columella (111, 5, 3) wegen seiner vorbildlich angelegten Weinberge preist. An dieser Stelle muss man den Leser vor Schlussfolgerungen warnen, die man oft zieht angesichts der großen Schäden, zu denen die Ausbreitung der Latifundien geführt hat; man beruft sich hierbei auf den berühmten Ausspruch des Plinius (XVIII, 35): latifundia perdidere Italiam! Zweifelsohne haben die Latifundien Italien zugrunde gerichtet. Doch der Verfall der mittelgroßen und kleinen Besitztümer hatte auch entscheidende Folgen im sozialen, moralischen, politischen und militärischen Bereich- Der Ackerbau und die Viehzucht, die nun auf großen Gütern betrieben und von einem bedeutenden Kapital unterstützt wurden, hatten außergewöhnliche Erfolge zu verzeichnen. Neue Methoden und neue Kulturen, die man in den Ländern der besiegten Völker kennen gelernt hatte, breiteten sich aus, und auch die Sklaven brachten oft wertvolle technische Neuerungen mit. Es lichteten sich die Wälder; an die Stelle des nicht mehr einträglichen Anbaus von Getreide traten die Weinberge, die Olivenhaine und die Obstgärten. Gegen Ende der Republik hatte Italien seine größte landwirtschaftliche Blüte erreicht und wurde als Garten der Welt besungen.

Später beginnt ein langsamer Prozess der Erschlaffung und des Verfalls, der jedoch andere Ursachen hat, wie zum Beispiel den Geburtenrückgang, die um sich greifende Bürokratisierung, die Steuerlasten, die Geldentwertung.

Aber trotz allem blieb in den ersten Jahrzehnten des Kaiserreichs neben den Latifundien hier und da in Italien das mittelgroße bäuerliche Besitztum bestehen, geschützt durch weise Gesetze und begünstigt durch den Bau von Straßen und Brücken, die Sicherheit des Verkehrs und den langanhaltenden Frieden.

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Uwe Bigalke 2003